Die Integrationsverantwortung der deutschen Staatsorgane – Urteil des Bundesverfassungs-gerichts zum Vertrag von Lissabon

von Christoph
in Standpunkte vom 06.30.2009

Das Bundesverfassungsgericht hat heute sein Urteil zum Vertrag von Lissabon verkündet. Grundlegende Einwände gegen dessen Bestimmungen hat es nicht. Hingegen ist das Begleitgesetz, das die innerstaatlichen, deutschen Strukturen für die Mitwirkung an der neuen Europäischen Union fit machen soll, verfassungswidrig. Bundestag und Bundesregierung müssen nachbessern. Sie müssen die Mitwirkungsrechte der demokratisch gewählten deutschen Staatsorgane so ausgestalten, dass sie in besonders wichtigen Bereichen mitentscheiden können. Das Bundesverfassungsgericht spricht von einer Integrationsverantwortung der deutschen Staatsorgane:

“Sofern die Mitgliedstaaten das Vertragsrecht so ausgestalten, dass unter grundsätzlicher Fortgeltung des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung eine Veränderung des Vertragsrechts ohne Ratifikationsverfahren herbeigeführt werden kann, obliegt neben der Bundesregierung den gesetzgebenden Körperschaften eine besondere Verantwortung im Rahmen der Mitwirkung, die in Deutschland innerstaatlich den Anforderungen des Art. 23 Abs. 1 GG genügen muss.”

Damit macht das Gericht deutlich, dass das Grundgesetz nur zur Beteiligung an einer EU ermächtigt, die als Gemeinschaft souverän bleibender Staaten konzipiert ist:

“Das Grundgesetz ermächtigt mit Art. 23 GG zur Beteiligung und Entwicklung einer als Staatenverbund konzipierten Europäischen Union. Der Begriff des Verbundes erfasst eine enge, auf Dauer angelegte Verbindung souverän bleibender Staaten, die auf vertraglicher Grundlage öffentliche Gewalt ausübt, deren Grundordnung jedoch allein der Verfügung der Mitgliedstaaten unterliegt und in der die Völker – das heißt die staatsangehörigen Bürger – der Mitgliedstaaten die Subjekte demokratischer Legitimation bleiben.”

bruckenhauschen

Das Bundesverfassungsgericht bleibt Wächter im Brückenhäuschen (Foto: Andreas Steinhoff)

Die Definition des Staatenverbundes, wie sie das Gericht in der Entscheidung zum ersten mal benutzt, indiziert eine Konsolidierung des europäischen Einigungsprozesses und festigt ein Bild von der Finalität der EU. Staatenverbund ja – Bundesstaat nein. Jedenfalls auf der Basis von Art. 23 Grundgesetz.

Bemerkenswert ist, dass der Schwerpunkt der Vorgaben des Urteils nicht auf den Merkmalen liegt, welche die EU kennzeichnen sollen.  Vielmehr muss sich der Nationalstaat mit seinen Organen und Strukturen rüsten, um demokratische Legitimation gewährleisten zu können. Dafür braucht es nach dem zustimmenswerten Urteil Änderungen im Begleitgesetz. Vor allem braucht es aber auch Änderungen im Bewusstsein der Abgeordneten des Bundestags und der Mitglieder des Bundesrats. Sie müssen ihre Verantwortung für die Kontrolle und die Gestaltung der europäischen Politik erkennen und wahrnehmen.

Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts

Ergänzung:

Mit Blick auf das Kooperationsverhältnis von Bundesverfassungsgericht und Europäischem Gerichtshof hat Christian Calliess zuletzt einige Bedenken formuliert.

Einen konstruktiven Vorschlag zur Effektivierung der praktischen Kontrolle durch den Bundestag hat Stefan Huber veröffentlicht.




Ähnliche Artikel

Kommentieren

Bilderauswahl


Twitter



Video der Woche

Gabriel zu


Umfrage

Wie soll in der Zukunft mit dem Thema Vorratsdatenspeicherung umgegangen werden?

Ergebnisse anzeigen

Loading ... Loading ...

beliebteste Tags

2011 Afghanistan Albrecht Martin Alexander Kalus Aline Kern Alzey Angela Merkel Apple Atomkraft Bad Dürkheim Bad Kreuznach Beck Berlin Bernd Heynemann Bernkastel-Wittlich Bettina Dickes Bildung Bildungspolitik Bildungsreise Bildungsstreik Bingen BLACK.blog Blaumann-Aktion Bologna-Prozess Braubach Bundesparteitag Bundestagswahl Bundesverfassungsgericht Bundeswehr Bürgermeister CDU CDU Wahlwerbespot Christa Klaß Christian Baldauf DDR Dennis Maxeiner Deutschlandrat EAK Energiepolitik EU Euro Europa Europawahl Europäisches Parlament Eva Lohse Fasching Finanzpolitik Frank Müller Generationengerechtigkeit Germersheim Gesundheitspolitik Griechenland Günther Oettinger Handy Hans-Josef Bracht Haushaltspolitik Helmut Kohl Hohenschönhausen Horst Köhler Humor Initiative Pro Paintballsport Internetzensur iPhone Jan Metzler Johannes Steiniger JU JU-Rheinböllen JU Braubach Jugendgewalt Jugendzentrum Julia Julia Kloeckner Julia Klöckner Junge Kommunale Junge Union Junge Union Rheinböllen JU Rhein-Hunsrück JUrhk Jusos JU Südwestpfalz JU Traben-Trarbach Kaiserslautern Kernenergie Kinderpornographie Koblenz Kommunalpolitik Kommunalreform Kommunalwahl Kurt Beck Kurt Lechner Landesregierung Landestag Landtag Landtagswahl Landtagswahl 2011 Linke Linksextremismus Linkspartei Ludwigshafen Mainz Mappus Martin Binder Martin Brandl Mauer Mauerbau Mittelrhein Nachwuchsförderprogramm Netzpolitik Neugründung Neuwahl Nieder-Olm Norbert Röttgen Nürburg-Ring Nürburgring Oberwesel Online-Umfrage Online-Wahlkampf Paintball Party Patrick Berberich Peter Rauen Philipp Mißfelder Polen RCDS Rechtspolitik Religionspolitik Rhein-Hunsrück Rhein-Pfalz-Kreis Rheinböllen Rheinhessen-Pfalz Rheinland-Pfalz RLP Rot-Rot-Grün RPK Satire Schuldenbremse Schulpolitik Schüler Union Schülerunion Sicherheitspolitik Silvana für Europa Silvana Koch-Mehrin Simmern Soziale Netzwerke Sozialkundeunterricht Sozialpolitik SPD Sport Steffen Funck Steuerpolitik studiVZ Südwest-Pfalz Südwestkonferenz Südwestpfalz Team Lohse Tobias Knöpflen Tobias Vogt Trier Twitter Umfrage Umweltpolitik Union der Generationen Verteidigungspolitik Wahlergebnisse Wahlkampf Welterbetal Werner Langen Wirtschaftskrise Wirtschaftspolitik www.silvana-fuer-europa.de Youtube Zivilcourage Zukunftsprojekt Europa Zusammenhalt der Generationen

  • BLACK.blog



    Die erfolgreiche Mitgliederzeitschrift der JU Rheinland-Pfalz BLACK wagt den Sprung ins Web 2.0. Mit dem BLACK.blog wird die Black aktueller, interaktiver und größer. Die Qualität und die inhaltliche Ausrichtungen bleiben unverändert. Das BLACK.blog ist weiterhin Forum für die Mitglieder der JU und die die es werden wollen, berichtet über Veranstaltungen aus den Verbänden, diskutiert kontroverse Themen und veröffentlicht Interviews und Berichte aus Politik und Gesellschaft.


    Du willst mitbloggen? Schreib einfach eine mail an redaktion(at)ju-rp.de oder kommentiere die eingestellten Berichte über die Kommentarfunktion. Die Kommentare werden dann von der Redaktion freigeschaltet.